Exhibition

Günther Domenig: Dimensional

Von Gebäuden und Gebilden

 PALIMPSEST

Nicht nur die Vergangenheit, aber auch nie tatsächlich gewordene Zukünfte werden gegenwärtig, wenn wir einer Ruine begegnen. Die Vergangenheit wird  überliefert, da wir die nicht mehr intakten Architekturen als Spuren vergangener Paradigmen lesen. Die Ruine ist Hinweis auf die Bauweise und damit verbundenem Wissen, Machtverhältnissen, Interessen vergangener Zeiten. Die archäologische Betrachtung rekonstruiert die Ruine zu einem architektonischen Dispositiv vergangener Epochen. Jedoch konstituiert die verfallende Ruine auch einen neuen, symbolischen Wert, der der Architektur früherer Zivilisationen zugesprochen wird. Die Ruine lässt eine Epoche als ursprünglich und kohärent erscheinen, deutet einen vermeintlichen klaren Schnitt zwischen Jetzt und Damals an. 

Diese Täuschung vom Erstarren der Veränderung der ruinös gewordenen Architektur  lässt uns vergessen, wer oder was vor und nach ihr diesen Ort belebt hat. Dabei  entstehen und verschwinden Ruinen ständig; dass nichts für immer hält, vergessen wir gerne und das Vergessen macht die Erinnerung selbst zur Ruine. Jedoch kann uns die immer erneute Umnutzung einer verfallenden Architektur von solchen Täuschungen befreien und zugleich einen Zugang zu Veränderungen unserer Geschichte bieten. Ruinen sind nie Orte einer linearen Zeitlichkeit, sie sind die gegenwärtige Verknotung virtueller Zukünfte und fortwirkender, sich immer anders zeigender Vergangenheit. 

So resultiert auch unsere Betroffenheit von der Ruine nicht nur aus der Erkenntnis über etwas Gewesenes, noch nur aus der Sichtbarwerdung der Vergänglichkeit–das Hervortreten der Natur in der Kultur–sondern auch aus der Tatsache, dass wir selbst fehl am Platz sind. Es wurde nicht mit uns gerechnet. Weder die Arbeiter*innen des Bergbaus noch die Besucher*innen der Landesausstellung begegneten einander, noch haben sie uns erwartet.

Die Ruine ist nicht nur die  Nähe zu etwas bereits Geschehenem, sondern auch die Nähe zu den gescheiterten Zukünften der Anderen. Da, wo Träume, Utopien und Ideologien aufsteigen und wieder untergehen, kollabieren Natur und Kultur ineinander, sickern durcheinander durch und bauen ein gemeinsames Ökosystem auf, das die Kategorien künstlich und natürlich selbst ad absurdum führt–in Analogie zu den linear begriffenen Kategorien der statischen Vergangenheit und durchgeplanten Zukunft.

Diese Ökosysteme sind zahlreich und divers, denn nicht nur die Vorstellungen über die Zukunft, auch die Ruinen ändern sich über die Zeit hinweg. Solange die steinernen Architekturen der Bergwerke mit ihrem Verfall das romantische Bild einer pittoresken Ruine bestätigen–es tun sich Risse in der Struktur auf und Pflanzen klettern auf die Mauer–trotzen Metall, Glas und Blech Äonen der Erosion–sie erscheinen viel mehr als aufgelassene Brache oder werden zu Schutt. So sind verschiedene Ruinen von unterschiedlichen Tieren und Pflanzen, von unterschiedlichen sozialen Klassen und Aktivitäten heimgesucht. Dem Verfall kann jedoch nichts entgehen; Steine und Mörtel zerbrechen, bis die Verwitterung sie zu Sand macht. Eisen und Blech korrodieren in Relation zu dem Sauerstoffgehalt ihrer Umgebung. Glas zerbricht, betrübt und zersplittert in unendlich kleine Stücke. Jeder dieser Prozesse dauert tausende, manchmal Millionen von Jahren. Ressourcen entstehen und werden abgetragen, konserviert oder gestohlen, Orte als sehenswürdig oder gefährlich eingestuft.

So sind die ruinösen Architekturen in Heft, die gegenwärtige Ausstellung und auch zukünftigen Architekturen des Ortes weder Vergangenheit noch ein  Neuanfang, sondern sind fester Teil eines ewigen Kreislaufs aus Veränderung,  Verwesung,  Verformung, Wiederauftauchen und Überschreibung.

 

 

Mihály Németh & Sophie Publig

Bibliographie

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Johann Joachim Winckelmann, Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst, Stuttgart 2007.

 

12.06. – 16.10.2022

Museum moderner Kunst Kärnten

Architektur Haus Kärnten

Domenig Steinhaus

Heft/Hüttenberg

 

 

domenigdimensional.at